Stimme - Ein komplexes einfaches Ding

Stimme - Ein komplexes einfaches Ding

Der Gebrauch der Stimme ist für den Menschen heutzutage eine selbstverständliche Angelegenheit. Komplexe Vorgänge zwischen Atmung, Muskelspiel in Kehlkopf und Gesamtkörper, zwischen innerer und äußerer Haltung – von der Wissenschaft noch immer nicht vollständig erforscht – werden von uns benutzt, um den unterschiedlichen Alltagssituationen in Form stimmlicher Lautäußerung zu entsprechen. Die Entwicklung unseres Stimmapparats bedurfte jedoch vieler Millionen Jahre. Ob nun die „Urmenschen“ Toumai, Orronin oder Lucy1 einer differenzierten Lautgebung oder gar Sprache mächtig waren, wird wohl kaum je rekonstruiert werden können. Fest steht, dass für ein derart komplexes System, wie es unsere Sprache darstellt, in jedem Falle der aufrechte Gang erforderlich war.

Die primäre Funktion des Vokaltrakts ist die eines Atem- und Nahrungsweges. Die Atemluft wird beim Durchtritt durch den oberen Atemtrakt, der aus der Nasenhöhle und dem Nasenrachenraum besteht, gereinigt und erwärmt. Der Atemtrakt überkreuzt sich im Rachen mit dem Verdauungstrakt, der an der Mundöffnung beginnt und über den Rachenraum in die Speiseröhre übergeht. Im Schluckakt wird der Kehlkopfeingang durch den Kehldeckel geschlossen; außerdem schließen sich die Stimmlippen und schützen damit die Luftröhre vor dem Eindringen von Fremdkörpern. Diese entwicklungsgeschichtlich vorrangige Funktion unseres Nasen-, Mund- und Rachenraumes garantiert seit jeher das Überleben des Menschen dadurch, dass Atmen, Essen und Trinken in einer geordneten und miteinander koordinierten Form möglich sind. Ein Mensch würde sicherlich schnell bemerken, dass eine Nichtkoordination zwischen Atmen und Schlucken unter Umständen blitzartiglebensbedrohliche Folgen haben kann. Das „Verschlucken“ an einem großen Stück Nahrung kann durch einen Verschluss (Obstruktion) der Atemwege zum sofortigen Tod führen. Das heute als Bolustod bekannte Phänomen tritt im Unterschied zum Ersticken unmittelbar ein. Kann der Fremdkörper nicht ausgehustet werden, so führt eine vagale Reizung des Rachens oder Kehlkopfes zu reflektorischem Herzstillstand und Kreislaufversagen.
Bei Säuglingen stellt sich in den ersten Monaten ihres Lebens diesbezüglich eine andere Situation dar: Der Kehlkopf sitzt noch im oberen Rachenraum, wodurch ein gleichzeitiges Atmen und Schlucken beim Trinken gewährleistet ist. Erst nach einigen Monaten ändert sich das. Zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat brechen die ersten Zähnchen durch und den Eltern wird empfohlen, frühestens ab dem 6. Lebensmonat mit einem Zufüttern von Brei zu beginnen. In diesem Stadium – die meisten Kinder können dann schon sitzen – senkt sich der Kehlkopf des Kindes allmählich ab. Die Atem-Schluck-Koordination ist jetzt möglich und auch erforderlich.

Baby
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Die sekundäre Funktion ist die eines Resonators und Artikulationsinstruments. Durch die Resonanzfunktion des Vokaltrakts erfährt der Primärklang, der im Kehlkopf entstanden ist, eine Veränderung. Bewegungen der Muskeln4 verändern die Resonanzbedingungen (Vokale und Klangfarbe) oder erzeugen im Zusammenwirken mit der Atemluft charakteristische Geräusche (Konsonanten), die je nach der gleichzeitigen Beteiligung der Stimmlippenschwingung stimmhaft oder stimmlos sind.
Die sekundäre Funktion des Vokaltrakts – Stimme, in Form von Lautgebung, Gesang oder Sprache – hat sich evolutionär erst mit der Aufrichtung der Primaten entwickelt. Möglicherweise, um den Erfordernissen eines Zusammenlebens in Horden oder Gemeinschaften gerecht werden zu können – der Notwendigkeit und dem Bedürfnis nach Kommunikation untereinander. Japanische Forscher sprechen in Bezug auf die Absenkung des Kehlkopfes von einem Zwei-Stufen-Modell und stellen damit die bisherigen Modelle zur Evolution der Sprache in Frage. Als Stufe I bezeichnen sie die relative Absenkung des Kehlkopfes zum Zungenbein. Als Stufe II wird die Absenkung des Zungenbeins relativ zum Kiefer und zur Schädelbasis gesehen. Die Ergebnisse an von ihnen untersuchten Schimpansenkindern innerhalb der ersten drei Lebensjahre lassen vermuten, dass die geänderte Kehlkopfstellung (Stufe I) bereits bestanden haben dürfte, bevor sich die Stammeslinien von Mensch und Schimpanse trennten.6 Stufe II, die Absenkung des Zungenbeins, dürfte dann auf die Vorläufer von Homo sapiens beschränkt gewesen sein. Offenbar hat diese biologische Besonderheit schließlich zur Herausbildung einer komplexen Vokalisation geführt.


Sekundärfunktion versus Primärfunktion


Der VokaltraktUnser Körper kennt beide Funktionen seit Millionen von Jahren. Sie sind verinnerlicht, in unserem Code gespeichert. Das Öffnen und Schließen innerhalb des Vokaltraktes tritt spontan und oftmals reflexartig auf. Ich öffne, um zu atmen, zu essen oder mich über meine Stimme zu vermitteln. Ich schließe, um zu schlucken, zu verstummen oder mich zu schützen. Für den Prozess der Stimmentwicklung ist es wesentlich, sich diese Vorgänge als möglicherweise schwer zu kontrollierende Ereignisse zu vergegenwärtigen. Denn sowohl Lehrer als auch Schüler werden hier immer wieder Überraschungen erleben. Geht es zum einen bei der Entfaltung der stimmlich-persönlichen Fähigkeiten um ein Öffnen, ein Durchlässigwerden und um eine Erhöhung der Schwingungsfähigkeit des gesamten Systems Mensch, so finden wir auf der anderen Seite immer wieder Spontanreaktionen des Körpers, die zu einem Verschluss, einem Sichzurücknehmen oder Stauen führen. Und dieses Zurückhalten der Ausdrucksenergie kann auf verschiedenen Ebenen geschehen. Auf Kehlkopfebene, im Bereich des Rachens, der Zunge, des Kiefers, der Lippen, des gesamten Muskelapparates, der Atmung oder des energetischen Potenzials eines Menschen. Als Stimmtrainer kann ich häufig Folgendes beobachten: Ich praktiziere mit einem Schüler Übungen zum Öffnen des Kiefers und stelle dabei fest, dass, je weiter der Kiefer aufgeht, der Schüler umso mehr die Zunge zurückzieht. Mache ich darauf aufmerksam, so höre ich, dass das automatisch geschieht. Stimmt genau, denn eine solche Situation bedeutet nichts anderes als ein Sieg der Primärfunktion. Öffnen versus Schließen. Hier liegen zwei Systeme miteinander im Clinch. Das kultivierte System der künstlerischen Lautmalerei, welches einer Öffnung in hohem Maße und auf verschiedenen Ebenen bedarf, kämpft gewissermaßen gegen das originäre, das primitive System des Bedürfnisses nach Schutz. Und der singende Mensch ist diesem „Kampf der Giganten“ vielfach hilflos ausgeliefert, weiß er doch nicht, was wie und warum geschieht. Die körperlichen Reaktionen des Schließens können natürlich auch als Folge einer psychischen „Notsituation“ angesehen werden. Die Angst vor einem herannahenden Auftritt führt vielfach dazu, dass man das Gefühl hat, die Stimme würde nicht richtig funktionieren. Und nicht selten ziehen sich gerade nicht-routinierte Sänger und Sängerinnen einige Tage vor dem Auftritt eine Grippe oder eine Halsentzündung zu. Eine somatische Reaktion also auf eine psychische Situation der Unsicherheit oder Angst. Der Körper regelt das sehr intelligent, schließlich hat er es ja verinnerlicht, in seinem Code gespeichert – auch wenn es der betreffenden Person in einem solchen Moment überhaupt nicht gelegen kommt. Selbst in Unterrichtssituationen hören Lehrer immer wieder von ihren Schülern: „Zuhause kann ich die Stücke immer singen oder spielen.“ Also selbst im Unterricht können Schüler mit ihrer Angst konfrontiert werden. Das daraus resultierende Bedürfnis nach Schutz lässt die Stimme oder den Körper lediglich eingeschränkt, ja manchmal gar nicht agieren. Ich kenne einige Personen, die sich aus einer solchen Situationen heraus gegen eine Laufbahn als Profimusiker (Sänger oder Instrumentalist) entschieden haben.

So macht die Zähmung der Primärfunktion, die Kontrolle über das immer wiederkehrende Verschließen des Vokaltraktes und Aufgeben des damit verbundenen Schutzbedürfnisses, ein behutsames Vorgehen erforderlich, will man die Öffnungen beim Singen nachhaltig verfügbar werden lassen. Jedoch braucht es hierzu mehr als das Trainieren von Kehlfertigkeiten. Ein Verständnis für das Verschließen und ein Akzeptieren dieser Vorgänge als zum Menschsein dazugehörig, können zu einer entsprechenden Behutsamkeit im Umgang mit diesen Mechanismen führen. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Schutz. Und ein Schüler wird den Schritt zum Verlassen des durch Verschluss erreichten „sicheren Terrains“ nicht dadurch gehen, dass ihn der Lehrer dazu auffordert, doch „mal etwas lockerer zu sein“. Zur Veranschaulichung folgen zwei Beispiele:

Veronika


hatte ihre Ausbildung am Konservatorium abgebrochen. Eigenen Angaben zufolge kam sie mit den Methoden und Lehrern nicht gut klar und hatte sich durch ihre Entscheidung aufzuhören auch dem Stress, den die nahenden Prüfungen mit sich gebracht hätten, entzogen. Wir kamen gut und schnell voran, und Veronika gewann ihre Liebe zur Musik und zum Singen zurück. Mit der Zeit stellte ich eine Dynamik in ihrem Verhalten während bestimmter Unterrichtssituationen fest. Immer dann, wenn sich etwas Neues in Veronikas Stimme zeigte, dem ich interessiert nachgehen wollte, blockierte sie, versuchte diverse Seitenwege, diskutierte und wurde aggressiv. Manchmal zeigte diese Reaktion eine Intensität, die sogar dazu führen konnte, dass ihre Stimme „wegbrach“ oder sich Anzeichen von Heiserkeit einstellten. Und immer wieder war Veronika drauf und dran, mit dem Unterricht aufzuhören. Sie hatte Neues jeweils als etwas Bedrohliches, ihr die Sicherheiten Entreißendes erlebt. „Es ist, als ob man mir meine Wahrheit stiehlt und durch nichts ersetzt“, beschrieb sie die Intensität der Gefühlsaufwallungen in ihrem Körper. Und um dem zu entkommen, was da offenbar jeweils bedrohlich vor ihr stand, musste sie zwangsläufig versuchen, ihre Haut zu retten. Veronika lernte, ihre Sicherheiten freiwillig aufzugeben und diesen Vorgang als temporär erforderlich für die Entwicklung der Stimme anzusehen.

Alexander


hatte eine schöne und kräftige Stimme. Der Start als Tenor im Musicalfach war ihm geglückt. Jedoch machte ihm die Tatsache zu schaffen, dass seine Stimme von einem Moment auf den anderen umschlagen konnte. Er hatte das Gefühl, keine Sicherheit zu finden, sich nicht auf seine Stimme verlassen zu können. Zwar gab es Momente oder auch Tage, an denen alles völlig reibungslos lief. Es konnte jedoch geschehen, dass allein beim Gedanken an eine Auftritts- oder Casting-Situation seine Stimme völlig versagte. So legte sich Alexander ein sonderbares Trainingsprogramm zurecht. Er versuchte, seine Stimme zu „stählen“. Die Muskulatur sollte durch ständig lautes Singen so trainiert werden, dass sie für den Ernstfall gewappnet wäre. Eine schwierige Situation. Manchmal sang er so laut, dass ich annahm, einer meiner Nachbarn würde demnächst zum Telefon greifen, um bei der Polizei eine Beschwerde wegen Lärmbelästigung einzureichen. Und auf meine gelegentliche Frage, warum es denn so laut sein müsse, bekam ich meistens die Antwort: „Na, weil es geht!“ Das Interessante an der Sache war jedoch, dass Alexander durch sein lautes Singen keinerlei stimmliche Ermüdungserscheinungen zeigte. Er liebte diesen Rausch seiner eigenen Kraft, und entsprechend fühlte er sich bereit für die Bühne. Dummerweise konnte es jedoch passieren, dass sich dieses Gefühl bereits am nächsten Tag ins Gegenteil verkehrte – und dementsprechend auch seine stimmlichen und musikalischen Leistungen. Alexanders Stimme wurde dann instabil. Er konnte den Glanz und die Strahlkraft nicht für den nächsten Tag konservieren, und entsprechend litt er darunter. Die Situation löste bei ihm wiederholt psychische Krisen aus. Immer wieder tauchten in ihm die gleichen Fragen auf: „Wird es gehen?“ Und: „Was mache ich, wenn mich das Theater nimmt?“ Er fand keine Antworten in sich selbst. Stattdessen taten sich unter ihm Abgründe auf. Er erkannte schließlich, dass die von ihm eingesetzte stimmliche Kraft und Lautstärke stellvertretend für Autorität und Sicherheit standen. Sein Vater war sehr früh gestorben, und folglich war ihm der väterliche Rückhalt versagt geblieben. Die Entwicklung hin zu einer selbstverantwortlichen Persönlichkeit wollte er über ein Funktionieren in Höchstleistungen abkürzen. Jedoch zeigte ihm sein Körper immer wieder, dass die Art und Weise, diesen Weg zu gehen, einer Korrektur bedurfte. Alexander nahm schließlich professionelle psychologische Hilfe in Anspruch. Er verabschiedete sich für eine Weile vom Singen und fand einen neuen, sanfteren und liebevolleren Zugang zu sich selbst. Zwangsläufig profitierte seine Stimme davon. Sie konnte kommen und gehen, wurde nicht mehr zum Dableiben gezwungen. In der Folge blieb sie gern länger - freiwillig.

Walter Kafritsas - Stimme, ein komplexes einfaches Ding.

In einem Zeitraum von mehr als 30 Jahren, die ich nun im Bereich Bildung von Stimme und Persönlichkeit arbeite, habe ich tausende unterschiedliche Stimmphänomene kennengelernt, die alle der direkte Ausdruck der dahinter stehenden Persönlichkeit waren. Unsere Stimme ist der unmittelbare Ausdruck sämtlicher inneren Vorgänge des Menschen.

Walter Kafritsas in "Die Musik des Körpers"

Einleitungsfoto von Don Pinnock auf Unsplash