Stimmbildung zwischen Wissenschaft und Intuition

Die letzten 40 Jahre haben uns einen enormen Fortschritt in der Analyse der Stimmfunktion und der damit verbundenen Mechanik beschert. Die rasante Entwicklung der Leistungsfähigkeit von Computern, als auch der Fortschritt in Bezug auf Analytik und Diagnose in der Phoniatrie, haben zu einer hohen Transparenz geführt, wie Stimme funktioniert. Doch die Forschungsergebnisse der letzten Jahre scheinen mehr Desorientierung als Orientierung in die Thematik gebracht zu haben und man hat den Eindruck, dass ständig zwischen einer mechanischen und mystisch-intuitiven Annäherung hin und her gependelt wird. Die Frage stellt sich besonders für verantwortungsbewusste Stimmpädagogen, die für sich und für ihre Schüler ein effektives modernes Stimmbildungskonzept erlernen wollen, in welchem Umfang Inhalte aus Medizin und Forschung in die Gesangspädagogik integriert werden sollten. Leider gibt es da wenig Anhaltspunkte, denn die heutige Gesangpädagogik ist nach wie vor geprägt von kontroverser Methodik und Terminologie.

Ursprünglich waren Pädagogen, die sich mit dem Phänomen Stimme beschäftigt haben, gleichzeitig auch Stimmforscher. Schon in der Antike gab es Überlegungen zur Funktion der Stimme, da die Kunst der Rhetorik und die stimmliche Präsenz eine wichtige Rolle in der damaligen Gesellschaft einnahm. Berühmte Philosophen wie Plutarch hatten Stimmlehrer, die ihnen halfen den Klang der Stimme und den gepflegten Umgang mit der Sprache zu verbessern.

Die älteste niedergeschriebene Gesangsmethode wurde von Giovanni Camillo Maffei 1562 verfasst.“Delle lettere… libri due, un discorso della voce e del modo d’apparat de cantar garganta senza maestro“. Der Klang der Stimme und der „Stimmapparat“ wurden dort zum ersten Mal Gegenstand der Betrachtung. Das 18.Jahrhundert war reich an theoretischen Diskussionen über Stimmqualitäten, Farben und Register. Kurz erwähnt seien hier die Schriften von Mancini, Tosi und Caccini. Es dauerte dann ca. 200 Jahre bis Manuel Garcia (1805-1906) den Kehlkopfspiegel erfand und seine Hypothese über die Stimmregister formulierte. Dadurch gelang es ihm, die bis dahin übliche Methodik im Gesangsunterricht, die Imitation, gehört, gesehen, gespürt, um eine weitere Dimension, nämlich der wissenschaftlichen Betrachtung einer Funktion, zu ergänzen. Er lieferte somit den ersten funktionalen Ansatz, der später von Cornelius Reid (1911-2008) aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Als Autor und Lehrer hat C. Reid die Prinzipien der Belcanto-Ära nicht nur wiederentdeckt, sondern auf Grund seiner Erkenntnisse neu definiert. Er verfasste insgesamt 7 Bücher und viele Artikel über Gesang, Belcanto und prägte den Begriff „Funktionale Stimmentwicklung / Stimmbildung“

Vier einfache Prinzipien bilden die Grundlage der funktionalen Stimmbildung:

  • Die zwei Registermethode
  • Die Notwendigkeit der reinen Vokals
  • Der Gebrauch des Rhythmus um Muskulatur zur Spontaneität anzuregen
  • Die Wahl der Dynamik (laut/leise)

Inzwischen gelten Reids Hypothesen zur funktionalen Registererklärung als wissenschaftlich bestätigt. (Dissertation v. H. Jantscher, Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien, Okt. 2009)

Mit Franziska Martiensen-Lohmann (1887-1971) begann im 20.Jahrhundert zum ersten Mal eine Art Stimmbildung, die nicht nur von der Vermittlung von Technik und Kunstfertigkeit geprägt war, sondern die den ganzen Menschen mit seiner Persönlichkeit und Psyche einschloss, also Intuition und Empathie mit in die Arbeitsweise einbrachte.

„Instinkt und Erfahrung des Stimmbildners dringen weit hinein in das geheimnisvolle Gebiet der Zusammenhänge zwischen Seelentypus, Körper- und Stimmtypus. Mit völliger Berechtigung heißt Gesangsunterricht Arbeit auch am Psychischen. Im Grunde kann man keine Stimme, sondern nur Sänger bilden“.(Martiensen-Lohmann,o.J.,S. 5f)

Das Neue an Ihrer Arbeit mit der Stimme war, dass sie Schulen ablehnte, die einen schönen Klang als Folge einer korrekten Funktion sahen. Für Martienssen führte die Klangvorstellung zur Stimmfunktion und nicht umgekehrt. Die Basis ihres gesangstheoretischen Wissen, das tritt gerne in Hintergrund, war aber die Verbindung zur altitalienischen Gesangsmethode von Manuel Garcia. Ihr Lehrer war ein Schüler von Julius Stockhausen, der wiederum ein Schüler von Manuel Garcia war.

Der funktionale Ansatz führte zur Entwicklung neuer Konzepte, wie mit Stimme zu verfahren sei. Zu erwähnen in diesem Zusammenhang ist die Arbeitsgemeinschaft von Prof. Walter Rohmert, Gisela Rohmert, Eugen Rabine und Peter Jakoby zur wissenschaftlichen Erforschung der Ausübung des künstlerischen Gesanges am Institut für Arbeitswissenschaft an der technischen Hochschule in Darmstadt. Es ging der Forschungsgruppe in dieser Zeit darum, die Stimmfunktion in ihrem systemischen Kontext zu analysieren und pädagogische Konzepte zu entwickeln. Der Begriff „Funktionales Stimmtraining“ beschreibt somit das ideale Zusammenspiel aller an der Phonation beteiligten Funktionen. 1987 wurde das Rabine Institut® für funktionale Stimmpädagogik und Stimmtraining gegründet. Prof. Walter Rohmert und Gisela Rohmert gingen mit der Gründung des Lichtenberger Instituts® eigene Wege, da sie den Fokus auf die Selbstorganisation der Stimme legten.

Parallel dazu begann sich die Phoniatrie verstärkt dem Thema Stimme und deren Funktion anzunehmen. Mit Hilfe von Laryngoskop, Stroboskop, Elektroglottograph bis hin zu Magnetresonanztomograhie kann man heute die Oberflächenbeschaffenheit, den Durchblutungszustand, die Koordination der inneren und äußeren Kehlkopfmuskulatur in vivo detailgenau darstellen. Es entstanden bedeutende medizinische Arbeiten, die zu einer Objektivierung der Vielzahl von Meinungen beitragen sollten.

Gegen Ende des 20.Jahrhunderts finden wir ergänzend zur jeweiligen Methodik die Anwendung körperorientierter, intuitiver Methoden, wie z.B. Feldenkrais, Alexandertechnik oder diverser Atemschulen, die unter dem Einfluss fernöstlicher bzw. esoterischer Strömungen stehen. Etwa zur gleichen Zeit und in Anlehnung an den Zeitgeist entstanden Schulen mit stark individueller Ausprägung, beispielhaft „complete vocal technique“ CVT, speech level-methode, bis hin zu „power-voice“. Ausgelöst durch den Stilpluralismus, man denke dabei an Rock und Pop, und dem damit verbundenen abweichenden Klangideal, wuchs der Bedarf an neuen Stimmbildungsmethoden. Renate Schulze- Schindler, Romeo Alavi Kia, und Brigitta Seidler-Winkler entwickelten individuelle Stimmbildungskonzepte unter Berücksichtigung des Prinzips der zwei Atemtypen in Anlehnung an die terlusollogische Lehre von Erich Wilk. Im Jahr 2000 folgte die Gründung des Instituts für Integratives Stimmtraining® von R. Alavi Kia, zur Etablierung eines ganzheitlichen Konzeptes zur Entwicklung der Sing- und Sprechstimme.

„Integratives Stimmtraining® versucht dem Menschen in seinem Bestreben nach Ganzwerdung behilflich zu sein. Aus dieser Grundhaltung heraus ergibt sich ein äußerst komplexes Regelwerk, welches weit über die Anwendung von Atem-, Körper-, und Stimmübungen hinausreicht. Einen Menschen über seinen stimmlich-musikalischen Selbstausdruck zu erfassen, erfordert darüber hinaus ein großes Einfühlungsvermögen in den Subtext seiner musikalischen Leistung.“( R. Alavi Kia, die Musik des Körpers, S.193)

Für mich und für meine Arbeit als neugieriger Mensch und „immer noch Suchende“, bedeutet dies, dass der gegenwärtigen Wissenstand in Bezug auf anatomische und physiologische Zusammenhänge mir als wichtige Grundlage dient in Bezug auf das Instrument Stimme. Ich habe großen Respekt und Achtung vor der Vielzahl an wichtigen Erkenntnissen, Forschungsergebnissen, Hypothesen, die mir als Stimmbildnerin helfen die „Hardware“ zu verstehen und bin stets bestrebt zu lernen. Doch, wie die Erfahrung zeigt, gehört weit mehr dazu einen Menschen in die „Glückseligkeit“ seiner eigenen Stimme zu bringen Diese Fähigkeit liegt in unseren intuitiven nonverbalen“ Skills“. Dies empfinde ich immer wieder als spannende lehrreiche Aufgabe und meiner Meinung nach ist R. Alavi Kias Konzept das Einzige, das hier den Fokus setzt, ohne dabei den gesangstheoretischen Hintergrund zu vernachlässigen.

Martina Müller-Greis (März 2014)