Imitation – der Schlüssel zum Erfolg !?

„Ich möchte singen wie...“. Welcher Gesangspädagoge hat diesen Satz nicht schon mal gehört bzw. gefühlt?

Eine junge Sängerin kommt in den Unterricht, eine CD (oder einen anderen Datenträger) mit dem neuesten Hit der bekannten US-Chartstürmerin XY im Gepäck und sagt: „Das würde ich gerne singen“. Gemeint ist häufig: „Das würde ich gerne singen - und zwar genau so. Ich möchte ihr Phrasing draufkriegen, die coole kratzige Klangfarbe und selbstverständlich die hohen Spitzentöne im letzten Refrain, da wo der Gospelchor einsetzt.“

Nun, an diesem Wunsch ist doch nichts auszusetzen, oder? Wird beim Versuch der Umsetzung jedoch erkannt, dass es eines längeren Arbeitsprozesses bedarf bis das Ziel erreicht ist, entsteht häufig Ungeduld und damit verbundene Frustration. Warum das so ist und wie dieser Frust vermieden werden kann, soll der folgende Artikel darlegen.

Unser gesamtes Lernen ist durch Imitation geprägt. Als Baby ahmen wir Gestik, Mimik, Bewegungsmuster und Lautäußerungen unserer engsten Bezugspersonen schon sehr früh nach. Dadurch lernen wir, uns innerhalb eines sozialen Gefüges zu bewegen und auszudrücken. Sowohl Menschen als auch Tiere orientieren sich am Verhalten ihrer Artgenossen. Erweist sich ein bestimmtes Vorgehen als erfolgreich, so wird es von anderen nachgeahmt und in deren eigenes Handeln integriert.

Nachahmen führt uns also zum Erfolg. Warum sollte das beim Singen anders sein?

Ich bin keine Gegnerin des Nachahmens. Diese wunderbare Art des Lernens hilft uns auf natürliche Art und Weise beim Erlangen stimmtechnischer Fähigkeiten und vermittelt ein Gefühl für unser Instrument. Denn auch wenn wir uns Wissen über physiologische Abläufe während des Singens aneignen, sind es doch unsere Ohren und unsere Spiegelneuronen, die es ermöglichen, Gehörtes oder Vorgemachtes nachzuahmen.

Für mich als Stimmtrainerin beginnt das Problem dann, wenn junge Sänger häufig und in völlig unbewusster Art und Weise ihre Idole kopieren. Es wird ein Ideal angestrebt, das die eigenen Leistungen mit der Vorlage eines bestimmten Sängers abgleicht, und das im Bemühen, die Schablone möglichst liniengetreu nachzuziehen. Der eigene Leistungsanspruch scheint besonders hoch, wenn es etwa um das Erlangen von sehr hohen, lauten oder langen Tönen oder um das Nachsingen bestimmter Phrasierungen geht. Über die Beweggründe für diese Form des Leistungs- und Kopierverhaltens lässt sich sicher spekulieren, jedoch gehe ich davon aus, dass der Wunsch nach Erfolg, Einzigartigkeit, Ruhm und Anerkennung dabei treibende Attribute sind. Wir identifizieren uns mit Persönlichkeiten, die wir bewundern, ob ihres Erscheinungsbildes, ihres Ansehens in der Gesellschaft, ihrer Handlungen oder ihres Erfolges.

Der Frust ist vorprogrammiert.

Kommt ein Schüler in die Stunde und singt seinen aktuellen Lieblingssong 1A – prima, dann scheint ja alles gut. Vorläufig jedenfalls... Ist jedoch das Gegenteil der Fall, und der Schüler erkennt, dass ihm die geplante oder gewünschte Umsetzung des Songs Probleme bereitet, so ist nicht selten Frustration die Folge. Gesangliche Leistungen sind bei vielen Sängern direkt mit persönlichem Selbstwertgefühl verknüpft, und die Emotion hinter dem Nichterreichen des ersehnten Ideals ist: „Wenn ich das nicht kann, bin ich nicht gut/nichts wert.“

Was ich persönlich sowohl beim „1A-Schüler“ also auch beim selbstgenerierten „Problem-Schüler“ höre und beobachte, ist der Verlust der individuellen und einzigartigen Stimme, der sich durch Abpausen gesanglicher Vorlagen einstellt. Romeo Alavi Kia beschreibt diesen Vorgang als Maskierung des Kehlkopfes.

„Die Projektion auf das Idol wird zurückgeholt, verinnerlicht und als Maske dem eigenen Kehlkopf übergestülpt. Somit ist die eigene innere Wahrheit, die sich ansonsten in jedem Moment durch die Stimme zeigen würde, verborgen und nicht selten bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Da jedoch das Singen mit unserem ganz ursprünglichen Sein und unserer Beziehung zum Leben an sich verknüpft ist, hat die Maskierung des Kehlkopfes für den Betroffenen [...] Konsequenzen: unphysiologischer Stimmgebrauch und daran geknüpfte Schädigung der Stimme!“1

„Unsere Stimme – das ureigene Instrument für einen unmittelbaren Ausdruck unseres Selbst - fühlt sich zurückgesetzt, degradiert zu einem Ding, einem Vehikel, das gefälligst funktionieren soll – und wenn nötig, mit der Maske des Nachdrucks.“2

Wenn wir unserer Stimme Nachdruck verleihen, sie zu einer bestimmten Funktion oder Leistung zwingen, so wird sie mit Rückzug reagieren. Denn ein erquickendes Voranschreiten im gesanglichen Farb- und Leistungsspektrum kann nur in Kommunikation mit der Stimme geschehen und nicht im Kampf gegen sie.

Castingshows

Seit einigen Jahren boomen weltweit Castingshows, deren Ziel es ist, den besten Sänger oder die Sängerin zu küren. Die Chance, es als Einer unter Vielen bis ganz nach oben zu schaffen und fortan berühmt und begehrt zu sein, scheint hier zum Greifen nahe. Und so strömen die Kandidaten herbei und geben alles, um die Juri innerhalb weniger Sekunden von sich zu überzeugen. Es scheint, dass Singen noch nie so populär war wie heute. Musikalische Ausbildungsstätten verzeichnen mehr und mehr Gesangsschüler. Singen ist „in“, und viele junge Schüler bitten um Unterstützung und Vorbereitung für die nächste Castingshow, in der sie dann hoffentlich weiterkommen.

Als bedenklich empfinde ich die Grundstrategie dieser Unterhaltungsshows: Erfolg hat der, der immer und zu jeder Zeit abliefern kann, der es vermag, jedes Lied in jeder Lage perfekt vorzutragen, dabei möglichst gut aussieht und natürlich tanzen kann. Es wird persönlicher Ausdruck erwartet, doch nach der „Person“ wird selten gefragt. Beliebt ist, wer sich gut in Szene setzen und vermarkten kann. Per Auswahlverfahren kommen Einzelne weiter, und der große Rest darf nachhause gehen – oft mit einer Art von Kritik beladen, die so manche Kehle für lange Zeit verstummen lässt.

Ich bin kein Fan des „Um-die-Wette-Singens“, in dem es letztendlich ausschließlich um ein möglichst profitables Format geht (von dem die Künstler selbst nicht viel abbekommen), und darum, wer wohl den höchsten Marktwert besitzt. Doch wer an so einer Competition teilnimmt, nimmt die jeweiligen Spielregeln gerne in Kauf. Aber auch in dieser Vermarktungsmaschinerie lässt sich beobachten, dass zumeist jene Sänger sehr weit kommen, die eine „Type“ – also authentisch sind. Sie lieben die Bühne, lieben die Show und machen ihr Ding, ohne sich groß dreinreden zu lassen. Das wirkt ansteckend und überzeugt Jury und Publikum. Wenn mich also Schüler bitten, sie auf ein Casting vorzubereiten, prüfe ich diese „Kandidaten“ sehr genau auf ihre Intensionen und ermutige sie dann, so authentisch wie möglich aufzutreten.

Was ist Authentizität?

Unser gesamtes System – und vor allem unsere Stimme – reagiert empfindlich auf äußere Einflüsse. Sie ist, so wie wir als Ganzes, verschiedenen Stimmungen und damit auch Leistungsschwankungen unterworfen. Wenn wir dies akzeptieren und mit ihr täglich neu in einen Dialog treten, auf sie achten anstatt sie zu bezwingen, so wird sie es uns durch eine sehr persönliche Art des musikalischen Selbstausdrucks danken. Sie verleiht uns Authentizität und Ausdruckskraft. Ist dies der Fall, so kommt eine wesentliche Qualität mit ins Spiel: der Gesang berührt! – uns selbst und auch andere.

Einem Schüler bei seiner gesanglichen Entwicklung beiseite zu stehen, ist für den Lehrer immer wieder eine besondere Herausforderung. Diverse Faktoren wie z. B. die Ansprüche des Schülers (oder auch des Lehrers), Vorgaben berühmter Sänger, die öffentliche Kritik u.v.m. veranlassen den Schüler immer wieder dazu, den Kontakt zur Stimme abzubrechen und den Willen bzw. das Funktionieren der Stimme in den Vordergrund zu stellen. Diese Form des Sich-Abkoppelns vom eigenen Potenzial, der eigenen Kraft und persönlichen Ausdrucksform vermeidet im Endeffekt nicht nur musikalisch-persönliche Entfaltung, sie hält in weiterer Folge auch diverse stimmliche Indispositionen oder Schäden bereit.

Ich sehe es daher als die unbedingte Aufgabe jedes Gesangspädagogen, dem Singenden Mut zu machen, seine „eigene Stimme“ zu entdecken und die Fähigkeit des „in Kontakt-Tretens“ mit ihr zu schulen. Die eigene Stimme als „Freundin“ zu betrachten, fördert nicht nur ihre Gesunderhaltung, sie bildet auch die Basis für sämtliche gesangliche Ausflüge, deren Weite im Prinzip keine Grenzen gesetzt sind.

Als Werkzeuge dafür bietet Integratives Stimmtraining® neben einem physiologischen Stimmtraining, das auf einem ständigen Schüler-Lehrer-Dialog basiert, diverse körperenergetische Arbeitsprogramme an. So können Körper und Stimme ständig neu und in einem ursprünglichen und wesentlichen Sinne erfahren werden. Diese Erfahrung bildet die Grundlage für ein gesundes, auf körperlicher Fitness basierendem Singen, das sich auf jeden musikalischen Stil übertragen lässt und auch vokale Spitzenleistungen unterstützt.

Elena Adler, Januar 2014


 

1. Romeo Alavi Kia, Die Musik des Körpers, S. 86, Aurum Verlag, Bielefeld 2009
2. Romeo Alavi Kia, Die Musik des Körpers, S. 82, Aurum Verlag, Bielefeld 2009